Maltherapie: Brief einer Patientin










Begleitetes Malen mit Birgit Löffler in der Frauenklinik am UniversitätsSpital Zürich vom August bis Oktober 2002

Im Hintergrund erklingt ein Lied von Chi Coltrane. Erinnerungen an meinen zweimonatigen Aufenthalt in der Frauenklink am UniversitätsSpital Zürich steigen auf. Ich musste wegen der enormen intrauterinen Wachstumsretardierung meiner Tochter auf der Pränatalen stationiert werden. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt sagen, ob dieses Kind überlebungsfähig und lebenstüchtig wäre.

Obwohl ich Musik über alles liebe, ertrug ich sie während meines Spitalaufenthaltes nicht. Mit Ausnahme dieser einen CD von Chi Coltrane. Es fühlte sich an, wie wenn ich beinahe überfliessen würde von Sorgen. Enttäuschung, Fragen, Heimweh nach meinen Söhnen, Wut und einer unendlichen Traurigkeit. Musik schien mir zu fröhlich oder sie bereitete mit Angst, weil ich spürte, dass die Staumauer meiner Emotionen nicht sehr stark war. Aber es hätte mir den letzten Quadratzentimeter unter den Füssen weggerissen, wenn dieses Gefühlschaos auf einmal auf mich eingeflutet wäre.

Da lag ich also eingebettet in Ultraschall- und Fruchtwasser- Untersuchungsberichten, um den Bauch den CTG-Gürtel geschnallt, aber dennoch ohne Klarheit. Die Distanz zu meinem Kind im Bauch wurde umso grösser, je mehr Vermessungszahlen durch mein Herz jagten. Der Chefarzt weckte mich aus meiner Distanziertheit, als er meinte: „Sie haben keine Dörrpflaume im Bauch.“

Zu diesem Zeitpunkt stellte sich Birgit Löffler vor, Hebamme und Maltherapeutin in der Frauenklinik. Sie lud mich ein, im Gemeinschaftsraum malen zu kommen. Zum ersten Mal einen nicht medizinischen Termin! Ich begegnete anderen Frauen mit ähnlichem Schicksal. Im Gespräch mit ihnen wurde mir bewusst, dass ich nicht die Einzige war, die unvorbereitet mit der Ungewissheit über den Schwangerschaftsverlauf. Beim Zuhören spürte ich grossen Respekt vor diesen Frauen, die mit dem Tod oder einer Behinderung ihres Kindes konfrontiert wurden.
Es war, als konnte ich durch das Mitfühlen mit ihnen auch mir selber einfühlsamer begegnen. Das grosse weisse Blatt löste nicht Angst aus wie emotionale Musik, sondern glich einem schüchternen Ausatmen.
Auf meinem ersten Bild entstand eine Placenta. Nahe liegend: mein Wunsch, dass unser Kind mehr wachsen könnte dank guter Versorgung, drückte sich spontan in Farbe aus.
Als ich das Bild aus gewisser Distanz begutachtete, erkannte ich die Placentaform: ein Herz. Ich spürte, dass ich meinen Fokus wieder mehr versuchen wollte, auf die Liebe zu richten als auf die angstvollen medizinischen Fragen - dafür waren ja die Fachleute da.
Wenn mein Herz schlägt, wenn es für mein ungeborenes Kind schlägt, fliesst mein Blut auch zu meinem Kind, so gut es kann. Und es fliessen eben auch Tränen.
Mit einem neuen Blickwinkel, im Spital zu liegen aus Liebe zu meinem Kind, entstand das zweite Bild - wieder eine Placenta. Diesmal versorgte sie meine ganze Familie mit mir und liess Platz offen für unser drittes Kind. Ein farbiger Tunnel als Placenta. Beim Malen fiel mir auf, dass nicht klar war, ob das ein Ausgang oder ein Eingang sei. An diesem Tag konnte ich erstmals den Gedanken zulassen, dass unser Kind auch gehen darf, wenn es will.

Nicht immer malte ich im Gemeinschaftsraum. Da mir Birgit Löffler Malmaterial mit auf mein Zimmer mitgab, konnte ich jederzeit malen. Für mich ein wunderbares Ventil: kopflos Farbe auszubreiten, nichts zu müssen und jeden Zentimeter Farbe selber entscheiden zu dürfen. Ich kam wieder in einen Fluss, dessen Tempo mich nicht überforderte und mich nährte.
Es folgten viele weitere Bilder: Bilder als Zimmerdekoration, die manchmal Gesprächsanlass gaben. Mit tat es gut, hier nicht nur als Patientin wahrgenommen zu werden, sondern als Persönlichkeit, wenn auch in einer ausserordentlichen Lebenssituation. Ein Bild schenkte ich meiner Zimmerkollegin. Es erinnerte an eine lustige Anekdote, die sie erzählte. Es lud uns immer wieder zum Schmunzel ein.

Es war, als würde ich beim Malen meinen Bauch hören anstatt meinen häufig verwirrten Kopf. Ich wusste beispielsweise beim Malen plötzlich, dass unser drittes Kind ein Mädchen ist. Ein anderes Mal wollte ich drei Blumen kreieren in fröhlichen Farbtönen, die ich so mag. Aber das Bild war nicht stimmig. Erst, als ich mit matten Farben Schatten malte, passte es. Im Gespräch mit Birgit Löffler griffen wir das Thema auf, das anzunehmen was wirklich ist und nicht an dem festzuhalten, was ich mir wünschte. An diesem Nachmittag lernte ich einen neuen Farbton kennen, der dem Bild mehr Tiefe vermittelte.

Malend tastete ich mich an die Realität meiner Tochter heran. Da ich mir nicht vorstellen konnte, wie klein sie wirklich ist, malte ich sie 1:1 gemäss Doppler-Vermessungszahlen. Mit den Fingern verrieb ich die Pastellkreidenstriche und berührte auf diese Weise ihren zierlichen Körper, ihr Gesicht. Bei ihrem Anblick wurde ich erfüllt von tiefer liebevoller Verbindung mit ihr, in ihrem Gesicht sah ich, dass sie ein Teil von mir ist und doch ganz eigen. Von dieser Stunde an redete ich mit ihr. Ein weiterer schöner Nebeneffekt: Da ich durchs Malen ein Bild hatte von der ungefähren Grösse meiner Tochter, war mein erster Gedanke nach ihrer Geburt in der 32. SSW: „Ist sie gross!!“ So relativ sind 32 cm!
Im Hintergrund malte ich drei verschiedene Wege, der Tod, Behinderung und ein gewöhnliches Leben. Über alles malte ich einen Regenbogen. Es beruhigte mich, dass unsere Tochter , was auch immer kommt, eingebettet sein würde in etwas Göttliches. Malen hatte für mich in diesem Moment eine spirituelle Dimension. Frappant: am Morgen ihrer Geburt stand über der Universitätsklinik ein Regenbogen!
Mein letztes Bild stellte ein Logo dar, welches für die Zeit stehen sollte nach der Geburt. Die Vorstellung, dass unsere Tochter alleine in einer Isolette für ihr Überleben kämpfen sollte, anstatt dass ich sie auf meine Brust nehmen konnte, zerbrach mir  beinahe das Herz. Beim Malen konnte ich nach und nach ein wenig akzeptieren, loslassen zu müssen und Vertrauen entwickeln in unsere Tochter, die Pflege und Ärzte und in die spirituelle Dimension.
Unserer Tochter Anine wurde in der 32. SSW mit dem Kleinwuchssyndrom Silver Russel geboren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, meine Kräfte seien am Ende. Es folgten nahtlos zwei enorm strenge Jahre per Nasensonde (12 Stunden Zeitaufwand pro Tag) künstlich ernährt. Ich bin überzeugt, dass ich diese Phase allein deshalb ohne Nervenzusammenbruch überstand, weil das ganze Team der pränatalen Station mich medizinisch und menschlich so gut betreute. Mit meinen Bildern nahm ich mehr als ein farbiges Tagebuch nach Hause - das Malen vermittelte mir ein Rüstzeug für die Bewältigung der neuen Lebenssituation als Familie mit einem behinderten Kind. Wieder daheim, setzte ich das begleitete Malen mit einer Maltherapeutin fort. Noch heute freue ich mich auf meine Malatelierstunden, weil ich so zur Ruhe komme und mir selbst zuhören kann.

Donnerstag, 21.09. 2006